
(Quelle: https://www.elm-mission.net/news/ich-muss-ihnen-sagen-dass-die-lage-schrecklich-ist)
Das Interview mit ihm führte Tobias Schäfer-Sell, Referent für Advocacy und ökumenische Zusammenarbeit mit Malawi im Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) am 7. Februar 2026. Aus dem Englischen (siehe Originalversion)
Prof. Bakry, der Krieg im Sudan begann im April 2023, also vor fast zwei Jahren, und ihm gingen andere Kriege und militärische Konflikte in der Region voraus. Wie ist die aktuelle Lage im Sudan?
Es geht hier nicht nur darum, wer an die Regierung kommt. Es ist vielmehr ein Krieg um die Legitimität des Staates. Die Menschen fühlen sich durch den Staat nicht vertreten. Und wenn sie Fragen zur wirtschaftlichen Entwicklung oder zur kulturellen Repräsentation stellen, lautet die Antwort in der Regel: „Waffen“. Aber die eigentlichen Themen, die die Menschen belasten, bleiben unbearbeitet.
Man kann mit Gewalt regieren, aber man kann nicht verwalten, ohne die Probleme zu verstehen und zu versuchen, sie anzugehen. Wir hatten in der Geschichte des Sudan keine Verwalter, sondern Herrscher; ob kolonial oder postkolonial, sie wollten kontrollieren, dominieren und sicherstellen, dass niemand ihre Autorität in Frage stellt.
Und dann haben wir diese beiden mächtigen Armeen, die sich darauf geeinigt haben, die zivile Regierung zu entfernen, sich aber nicht darauf einigen konnten, wer Zugriff auf die Staatsmacht und den Reichtum hat, deshalb haben sie angefangen zu kämpfen.
Es gibt keine Region im Sudan, die nicht vom Krieg betroffen ist. Derzeit sind etwa 14 Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht, etwa 4,5 Millionen Menschen sind in Nachbarländer wie Äthiopien, Kenia, Uganda, den Südsudan, die Zentralafrikanische Republik, den Tschad und Ägypten geflohen. Laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) benötigen etwa 30 Millionen Sudanes*innen dringend Nahrungsmittelhilfe. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Es gibt keine funktionierenden staatlichen Institutionen. Und natürlich gibt es tiefe Spaltungen entlang ethnischer, geografischer und klassenbezogener Linien.
Ich muss Ihnen sagen, dass die Lage schrecklich ist. Es gab viele Versuche, einen Waffenstillstand zu erreichen, aber alle sind gescheitert. Derzeit sind beide Seiten der Meinung, dass die andere Seite nicht mehr existieren sollte, was Verhandlungen erschwert. Hinzu kommt natürlich, dass es viele ausländische Interventionen in diesem Land gibt.
Es handelt sich um eine humanitäre Katastrophe die als ‚vergessene Krise‘ gilt. Warum wird der Sudan-Konflikt in Europa so wenig diskutiert?
Dafür gibt es viele Gründe. Tatsächlich ist die Sudan-Krise in Bezug auf ihre Auswirkungen, die Zahl der Todesopfer und das Leid der Menschen größer als die Konflikte in Gaza und der Ukraine zusammen. Aber im internationalen globalen System sind nicht alle Konflikte gleich. Es geht darum, wer stirbt, wo die Menschen geografisch angesiedelt sind und welche Hautfarbe sie haben.
Die Ukraine liegt näher an Europa. Der Nahostkonflikt besteht seit 1948, und man hat eine historische Verbindung dazu. Der Sudan liegt leider in Afrika. Aus Sicht des Westens ist es also ‚ein weiterer Krieg‘ in Afrika. Die Menschen wollen sich nicht damit beschäftigen.
Außerdem gibt es eine Konkurrenz um Aufmerksamkeit, und wir alle haben nur begrenzte Kapazitäten. Es stellt sich das Gefühl ein, nicht viel tun oder verändern zu können. Das ist Teil der emotionalen Erschöpfung und auch der Komplexität der Situation. Wir mögen es nicht, wenn Dinge kompliziert werden. Die Menschen wollen sich für die „gute Seite” entscheiden können. Leider ist das einzig Gute das, was die sudanesische Bevölkerung versucht, nämlich zu überleben.
Sie haben argumentiert, dass ausländische Mächte in den Konflikt eingreifen. Welche Rolle spielt Deutschland?
Ich glaube nicht, dass es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Deutschland eine der Konfliktparteien unterstützt. Aber Deutschland hat gute Beziehungen zu Ägypten und zu Saudi-Arabien, die Teil des Konflikts sind. Ägypten, Deutschland und die EU haben sehr gute Beziehungen zu Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, und von all diesen Ländern importieren sie Öl und Gas. Gleichzeitig sind diese Länder in unterschiedlichem Maße am Sudankonflikt beteiligt.
Ich weiß nicht, inwieweit die europäischen Länder bereit sind, eine harte Haltung gegenüber ihren Verbündeten einzunehmen, die ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft. Ich verstehe das also. Es ist ein Kompromiss. Aber ohne Verhandlungsdruck auf diese Länder wird der Sudan niemals Frieden finden und ein Ort des Krieges bleiben. Aufgrund der regionalen Spaltung könnte es zu einem langjährigen Konflikt kommen.
Welche Rolle spielen Äthiopien und der Große Renaissance-Staudamm bzw. der Konflikt um das Nilwasser?
Das ist ein weiterer strategischer Faktor. Äthiopien hat einen Staudamm errichtet. 1959 wurde zwischen Sudan und Ägypten ein Abkommen zur Aufteilung des Nilwassers geschlossen. Äthiopien, Uganda, Kenia, Ruanda und Tansania wurden dabei nicht konsultiert.
Der Sudan wird wahrscheinlich nicht so stark betroffen sein wie Ägypten. Aber die Ägypter begannen, dies zu Recht als eine strategische Existenzfrage für sich zu betrachten und auf eine Schwächung Äthiopiens hinzuarbeiten.
Hinzu kommt Eritrea, das der Meinung ist, dass die einzige Möglichkeit, vollständig unabhängig zu werden, darin besteht, Äthiopien zu schwächen. So entstehen diese Allianzen in der Region.
Wie steht die Afrikanische Union derzeit zum Sudan, wie sollte sie reagieren?
Die Afrikanische Union kann nicht vermitteln, sie kann nichts dagegen tun. Was einen Waffenstillstand und Verhandlungen angeht, so hat sie weder die Mittel noch den Willen dazu, noch verfügt sie über die technischen Kapazitäten und nicht einmal über den politischen Willen, da sie in verschiedene Richtungen gezogen wird.
Welche Rolle spielt Religion in diesem Konflikt?
Nun, Religion spielt eine große Rolle, denn der harte Kern der Gruppen, die Burhan unterstützen und sich bis zu einem gewissen Grad mit Ägypten verbünden, besteht immer noch aus denselben Muslimbrüdern oder Ablegern davon. Sie kontrollieren nach wie vor die Wirtschaft, den öffentlichen Dienst und die Polizei.
Christ*innen sind als Minderheit in den Nuba-Bergen und einigen Teilen des Blauen Nils zu finden. Die Christ*innen in den Nuba-Bergen wurden bombardiert, wir haben gesehen, wie Kirchen zerstört wurden, und in Khartum haben wir gesehen, wie Moscheen angegriffen wurden. Ob dies von einer Seite absichtlich geschehen ist oder nur ein Kollateralschaden des Krieges ist, muss untersucht werden. Aber im Gegensatz zur Zentralafrikanischen Republik, wo Religion instrumentalisiert worden ist in einem brutalen Konflikt, sind die Dynamiken der Ethnizität und Geografie derzeit stärker ausgeprägt.
Menschen sind sehr gut darin, Gründe zu finden, um zu hassen und jemanden zum „Anderen“ zu machen, also zur „Fremd-Machung (engl. „othering“). Am Anfang sagten sie, dies seien Milizen, die nicht aus dem Sudan stammen, sondern aus anderen Ländern, es geht also sehr stark um Geografie. Das macht es leicht, Menschen zu dominieren und gegeneinander aufzuhetzen. Das passiert überall auf der Welt.
Sehen Sie eine Chance für die Opposition, sich unter dem Motto „Einheit für den Frieden“ zu versammeln?
Wir definieren uns nicht als Opposition, da es im Sudan keine anerkannte Regierung gibt. Wir sind Friedensakteure und als Zivilist*innen glauben wir niemals, dass Krieg die Antwort ist. Als größte organisierte Koalition unterstützen wir keine der Seiten.
Es gibt viele Menschen, die gegen den Krieg sind, aber sie sind in keiner Weise organisiert. Was wir also derzeit brauchen, ist, die Gruppe der unparteiischen Zivilist*innen dazu zu bringen, mit einer Stimme gegen den Krieg zu sprechen und sich auf eine Mindestagenda zu einigen, die besagt, dass Krieg keine Lösung ist, dass der Sudan vereint bleiben sollte, dass wir Hassreden und die Idee der Ausgrenzung unter uns nicht zulassen und dass wir an die Gleichberechtigung aller Bürger*innen glauben. Wir brauchen einfach diese Grundlagen.
Der nächste Schritt besteht darin, diejenigen Zivilist*innen zu erreichen, die sich für eine Seite entschieden haben; hier gibt es leider so viel Wut, Hass und Vorurteile.
Wenn wir eine humanitäre Waffenruhe erreichen, wird sich die Dynamik hoffentlich ändern und die Wut wird schließlich nachlassen. Dann kann man langsam damit beginnen, die Menschen um eine Friedensbotschaft herum zu versammeln: Wir verstehen euren Schmerz, wir verstehen, dass ihr wütend seid, aber Wut wird euch keine Antwort bringen.
Die Herausforderung besteht darin, dass die Menschen Frieden nicht als einen Weg sehen, sondern eher als ein Hindernis, Rache zu nehmen. Deshalb äußern sich viele von ihnen negativ über uns. Auf beiden Seiten herrscht eine extreme Polarisierung. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Das ist wie ein Mantra.
Aus anderen Konflikten haben wir gelernt, dass es ohne Gerechtigkeit keinen Frieden geben kann. Wie würde ein gerechter Frieden im Sudan aussehen, was erwarten die Menschen im Sudan? Ist der Weg Südafrikas aus der Apartheid ein Vorbild?
Ich denke, was wir wirklich verhandeln müssen, ist ein Ansatz für Rechenschaftspflicht, die eine Säule der Übergangsjustiz ist. Diejenigen, die Verbrechen begangen haben, die für ethnische Säuberungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich sind, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Dafür brauchen wir eine Kombination aus lokalen traditionellen Systemen, modernen Systemen und vielleicht sogar dem Internationalen Gerichtshof.
Aber es gibt so viel Leid, und all das kann nicht vor Gericht verhandelt werden. Deshalb müssen wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem ein Übergang zu Wahrheit und Versöhnung stattfinden muss. Wir haben ein großes Projekt, die Menschen danach zu fragen, wie sie sich Gerechtigkeit vorstellen.
In gewisser Weise fungiert Südafrika also als Vorbild mit der von Desmond Tutu geleiteten Wahrheits- und Versöhnungskommission. Damit so etwas möglich ist, braucht man weise Führer. Momentan haben wir diese Mentalität nicht, die derzeitigen Führer sprechen von Rache. Im Sudan gibt es keine De Klerks oder Mandelas.
Wir können auch etwas von Ruanda lernen, wie sie die Menschen zusammengebracht und über versöhnende Gerechtigkeit gesprochen haben. Wir können etwas von Argentinien lernen. Wir können etwas von Chile lernen. Wir können sogar etwas von Europa lernen. Aber letztendlich denke ich, dass der Sudan sein eigenes Projekt entwickeln wird. Die sudanesische Bevölkerung hat eine lange Tradition, selbst über Wiedergutmachung und Versöhnung zu sprechen. In Darfur gibt es Rakuba, im Osten des Sudans gibt es die Tradition des Galad. Wir haben also diese traditionellen Modelle, die wir ausbauen und zusätzlich aus anderen Erfahrungen lernen können.
Aber im Moment weiß ich noch nicht einmal, wie wir dorthin gelangen sollen. Wir denken jetzt darüber nach, den Menschen Medikamente und Lebensmittel zu beschaffen, damit sie zumindest überleben können. Im Moment bedeutet Gerechtigkeit, das Töten zu beenden. Das ist der erste Schritt.
Hintergrund:
Der Krieg im Sudan ist die derzeit schwerste humanitäre Katastrophe der Welt. Dazu kommt eine massive Hungersnot. Mehr als zwölf Millionen Sudanesen und Sudanesinnen sind vertrieben worden. Zehntausende sind dem Krieg zum Opfer gefallen.
Seit Mitte April 2023 kämpfen rivalisierende Fraktionen des herrschenden Militärs gegeneinander. die Sudanesischen Streitkräfte (SAF) unter De-facto-Staatschef Abdel Fattah Burhan und die Rapid Support Forces (RSF) unter seinem bisherigen Stellvertreter Mohammed Hamdan Daglo.
Darum engagiert sich das ELM:
Der Sudankonflikt hat sehr direkte Auswirkungen auf die Nachbarländer Äthiopien und Zentralafrikanische Republik, zu denen das ELM über seine Partnerkirchen eng verbunden ist. Zwischen 1987 und 2015 haben In Hermannsburg internationale Sudan-Konferenzen stattgefunden unter Leitung des Sudan Focal Point- Europe und des Sudanforum e.V.. Der Kirchenkreis Norden unterhält eine aktive Zusammenarbeit mit Partnern im Sudan. Heute fehlt es an zivilgesellschaftlicher Aufmerksamkeit und Unterstützung für die Menschen im Sudan. Über die Zweigstelle des ELM sind Kontakte zu migrantischen Gruppen in Hannover entstanden und im Januar dieses Jahres hat ein gemeinsames Sudan-Forum stattgefunden.